Kreis bremst Radfahrende aus
„Vorfahrt achten“ gilt seit kurzem für den Radverkehr entlang der Landstraße 291 in Neuenhaus und Nagelsbaum. Über die neue Regelung ist nicht nur der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) überrascht.

Nachdem die Kreisstraße 2 zwischen Nagelsbaum/Neuenhaus und Paffenlöh saniert wurde, fehlte es bis vor kurzem noch an einigen Markierungen. Diese sind inzwischen weitgehend fertiggestellt, allerdings mit Änderungen. Der Radweg entlang der Landstraße in Nagelsbaum ist nun an zwei Einmündungen unterbrochen. Anstelle der mit weißen Linien markierten Furten gilt nun „Vorfahrt achten“ für den Radverkehr. Sabine Krämer-Kox, Sprecherin der ADFC Ortsgruppe
Wermelskirchen/Burscheid, kritisiert die neue Regelung: „Es gab dort über viele Jahre hinweg keine Probleme mit dem Radverkehr. Nun ist die Verkehrssituation oft unklar. Einige Autofahrende halten an und winken die Radfahrenden durch. Andere fahren weiter.“
Auch Ursula Böing, die in Grünscheid wohnt, ist überrascht. Sie fährt gerne mit ihrem Pedelec und sagt: „Die Entscheidung für diese Änderung spiegelt allein die Perspektive der Autofahrer wider.“
Beim Rheinisch-Bergischen Kreis verweist man auf die Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrsordnung, die es nicht erlaubten, einen Radweg zu markieren, wenn die Radwege mehr als etwa fünf Meter abgesetzt von Vorfahrtsstraßen seien. Die Furten, die zuvor an den beiden Einmündungen markiert waren, sind laut Kreis also zu weit von der Vorfahrtsstraße entfernt.
Fahrzeuge, die von der Landstraße auf die Kreisstraßen abbiegen, müssen den Radverkehr nicht durchlassen, so der Kreis. „Deshalb mussten diese Furten aufgrund eines Hinweises der Kreispolizeibehörde zur Unfallvermeidung präventiv demarkiert werden“, teilt die Pressestelle auf Anfrage mit.
Und es sei auch nicht möglich gewesen, die Markierungen näher an die Landstraße zu verlegen, heißt es weiter. Dies sei „vom Landesbetrieb wegen einer möglichen Rückstaugefahr auf die L 291 – Auffahrunfallproblematik“ abgelehnt worden. Sabine Krämer-Kox fasst das so auf: „Damit Autos beim Abbiegen nicht auffahren, erhalten sie Vorrang gegenüber dem Radverkehr.“
Kreis hat sich dabei gerade erst für die Mitgliedschaft im AGFS qualifiziert
Dabei habe der Kreis sich erst im März für die Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in Nordrhein-Westfalen (AGFS) qualifiziert.
Krämer-Kox sieht hier für den Rheinisch-Bergischen Kreis zusammen mit Straßen NRW nun eine große Chance, durch eine Modifikation doch noch eine radverkehrsfreundliche Lösung zu finden. Schließlich sei der Radweg an der L291 nicht nur ein seit über 30 Jahren gut „eingefahrener“ Alltagsradweg, sondern auch ein Zubringer zum überregionalen Panoramaradweg Balkantrasse, so die Radverkehrsexpertin des ADFC.
Artur Oblong aus Grünscheid ist wegen der geänderten Verkehrsführung schwer enttäuscht. Der Vater zweier Söhne hat nach eigenen Angaben schon einen längeren Schriftverkehr mit den Verkehrsbehörden, weil der Schulweg seines siebenjährigen Sohnes zur Grundschule ohnehin schon sehr gefährlich sei: „Hier an der Straße gibt es viele Raser, und es kommt immer wieder zu Unfällen.“ Der Schulweg seines Sohnes ist auf dem Schulwegeplan, der seit vielen Jahren gilt,
markiert. Drei Gefahrenstellen müssen die Kinder aus Nagelsbaum und Grünscheid laut des amtlichen Plans queren. Zwei davon sind aus Sicht des Vaters nun durch die geänderte Verkehrsführung noch gefährlicher geworden. Oblong sagt: „Die Situation ist total unsicher. Wir machen uns große Sorgen, und die Eltern aus der Nachbarschaft sehen das genauso.“ Der Kreis verweist darauf, dass sich für Fußgänger nichts geändert habe. „Gegenüber Kindern haben Fahrzeugführer ohnehin besondere Rücksicht zu nehmen“, heißt es in der Reaktion der Pressestelle.
In Münster fährt Ursula Böing gerne mit dem Rad
Ursula Böing kann sich viel bessere Lösungen für den Radverkehr vorstellen. Sie arbeitet in Münster und fährt dort auch Rad: „In Münster wäre an so einer Stelle der Radweg rot markiert mit einer eindeutigen Abbiegemarkierung für Radfahrende.“ In der Fahrradhauptstadt seien auch Vorrangschaltungen an Ampeln für den Radverkehr üblich: „Ich fahre dort gerne mit dem Rad. Aber hier macht es wenig Freude“, sagt sie.